Ich freue mich sehr, heute Julia Kurth von „DAS TUN WIR – sinnvoll handeln“ begrüßen zu dürfen.
Kennengelernt habe ich sie im Rahmen meiner Weiterbildung zum Naturgarten-Profi und sofort gemerkt: Das ist genau das, was Gartenneulinge brauchen.
Julia verbindet Artenschutz mit einem Ansatz, der nicht überfordert, sondern Mut macht. Mit ihrer Kampagne #miniwildnis – und den dazugehörigen Schildern – zeigt sie, dass ein naturnaher Garten kein Perfektionsprojekt sein muss. Bei ihr gibt es keine komplizierten Pflanzpläne, sondern sie zeigt kleine, machbare Schritte auf, mit denen selbst Anfänger*innen richtig viel bewirken können.
Warum gerade wilde Ecken so wichtig sind, wie Du ganz einfach starten kannst und warum „unordentlich“ manchmal genau richtig ist – darüber sprechen wir jetzt.

Julia, schön, dass Du heute da bist. Lass uns direkt vorne anfangen: Wie bist Du eigentlich zum Thema Artenschutz und Biodiversität gekommen?
Julia: Danke, ich freue mich auch! Ich bin mit einem großen naturnahen Garten aufgewachsen, wo so viel geblüht hat, dass wir als Kinder die Blüten gesammelt, daraus im Sommer selbst gemachtes Parfüm hergestellt und am Straßenstand verkauft haben. Achtung Spoiler – das Parfüm war nicht wirklich nutzbar, aber es hat Riesen-Spaß gemacht.
Wenn man sich heute so umschaut, fällt überall auf, dass die Artenvielfalt schwindet, dass unsere Landschaften und Gärten immer monotoner werden. Und da ich schon immer etwas Sinnvolles tun wollte, habe ich mich entschieden, mich im Bereich Biodiversität selbstständig zu machen.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Deine Kindheitserinnerungen klingen sehr prägend. Gab es den einen Moment, in dem Dir klar wurde: „Ich will mich beruflich für biologische Vielfalt einsetzen“?
Julia: Als ich studiert habe und ins Berufsleben gestartet bin, wollte ich in erster Linie unabhängig sein und Geld verdienen. Mit der Zeit habe ich mich aber immer öfter gefragt ‚was mache ich hier eigentlich?‘.
Den einen prägenden Moment gab es nicht wirklich. Eher eine Vielzahl an Eindrücken, die mir klar gemacht haben, dass sich was verändern muss: Seien es die Schottergärten und Plastikzäune in der Nachbarschaft, die versiegelten Innenstädte und Gewerbeparks oder die monotonen Felder in der Landwirtschaft.
Anfang 2025 habe ich dann den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt.

Für alle, die #miniwildnis noch nicht kennen: Was steckt hinter der Initiative und was bedeutet es konkret, eine „#miniwildnis“ zu schaffen?
Julia: #miniwildnis ist eine Kampagne, die sich dafür einsetzt, die Natur wieder in unsere Gärten zu holen. Es geht darum, vielfältige Strukturen zu schaffen und weniger zu pflegen um damit die Artenvielfalt zu fördern.
Im Mittelpunkt der Initiative steht der Blick der Tiere und Pflanzen auf unsere Gärten, die heutzutage kaum noch Lebensraum bieten. Mit #miniwildnis möchten wir die Blickgewohnheiten von uns Menschen hinterfragen und zum Umdenken anregen.
WIE KANNST DU BEI #MINiWILDNIS MITMACHEN?
- Mache einen Teil des Gartens zur #miniwildnis, z.B. indem Du weniger oder gar nicht mehr pflegst und/ oder natürliche Lebensräume mit Totholz, Wildstauden, Gehölzen, Wasser, etc. schaffst.
- Über die Webseite www.miniwildnis.de nimmst Du Kontakt zu Julia auf und bestellst ein #miniwildnis-Schild.
- Du stellst das #miniwildnis-Schild in Deinem Garten oder am Gartenzaun auf.
- Deine Naturbeobachtungen kannst Du unter dem Hashtag #miniwildnis teilen.
- Alle Infos gibt es auf der Website www.miniwildnis.de
Es gibt verschiedene Schilder, die mit einem Augenzwinkern darauf hinweisen, dass wir mehr Wildnis überall brauchen, z. B. sagt auf einem der Schilder die Hummelkönigin „Nur Gestrüpp? Hier bin ich Königin!“
Es geht also darum, Menschen mitzunehmen, unseren Drang nach Ordnung und Sauberkeit, der sich längst von unseren Wohnzimmern bis in unsere Gärten erstreckt, zu hinterfragen. Damit kann der Blick auf die Bedürfnisse unserer Mitlebewesen gelenkt werden, die es wild mögen.
Eine #miniwildnis kann ‚von bis‘ sein. Das reicht von jahreszeitlichen Strukturen, also Lebensraumangeboten, wie Laubhaufen, über kleine Ecken im Garten, die man etwas verwildern lassen kann, bis hin zu größeren Strukturen, wie Wildhecken, Feuchtbiotopen oder extensiven Wiesen.
Denn dort, wo das Leben tobt, ist es eben nicht das ganze Jahr über hübsch und aufgeräumt, sondern auch mal wild und „unordentlich“.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Viele Gartenneulinge beginnen – ganz klassisch – mit Rasen oder einem dekorativen, aber eher aufgeräumten Garten. Wenn wir einmal durch die Augen einer Wildbiene, eines Igels oder einer Eidechse schauen: Was fehlt solchen Gärten am dringendsten?
Julia: Die Vielfalt. Sei es die Vielfalt an Strukturen oder die Vielfalt an Pflanzen. Wer gerne einen Rasen haben möchte, soll ihn haben. Wichtig ist aber eben zusätzliche Strukturen anzulegen, die Insekten, Vögeln, Reptilien, kleinen Säugetieren, etc. Nahrung und Lebensraum bieten.
WAS SIND „STRUKTUREN“ IM GARTEN? Strukturen beziehen sich auf vielfältig gestaltete Lebensräume. Da die verschiedenen Insekten und Kleintiere unterschiedliche Bedürfnisse an Nahrung, Unterschlupf und Kinderstube haben, braucht es einen „Strukturreichtum“ im Garten. Zu den typischen Strukturen, die man im Garten anlegen kann, zählen z.B. Hecken, Miniwälder, Teiche, Steinstrukturen, einen Kompost, Totholz, Wiesen. Und dies mit einer möglichst hohen Vielfalt an Pflanzen, z.B. verschiedenen Wildstauden, Frühblühern, heimischen Gehölzen und Bäumen.
Aus Sicht vieler Wildbienenarten bieten unsere Gärten heute wenig Nahrungsangebot und auch kaum Nistmöglichkeiten. Es gibt einige Allrounder unter den Wildbienen, die auch mit Lavendel happy sind. Aber es gibt viel mehr hochspezialisierte Wildbienen, die auf den Pollen einer ganz bestimmten Pflanzenart angewiesen sind. Kommt z.B. der Natternkopf nicht im Garten vor, gibt es auch keine Natternkopfmauerbiene.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Was Wildbienen auch fehlt sind Lebensräume, wo sie nisten können. Insektenhotels sind gut und schön, aber nur für ganz wenige Arten geeignet. Denn über ein Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden und brauchen sandige offene Bodenstellen.
Außerdem fehlt solchen Gärten oft das Verbindende. Damit ist gemeint, dass sich Tiere von einem Garten zum nächsten bewegen können oder zur nächsten naturnahen Fläche in der freien Landschaft. Viele Gärten sind heutzutage abgeschottet durch Mauern und Zäune. Für Igel sind z.B. Zäune und Mauern ein großes Problem, weil sie so überhaupt nicht in den Garten kommen.
Tiere brauchen Korridore, durch die sie wandern können. Nur so können Populationen langfristig erhalten werden.
Und dann ist da noch das Thema „Ordnung“. Viele haben Angst, ein wilderer Garten könnte ungepflegt wirken. Wie können Gartenneulinge diesen Spagat schaffen: Natur zulassen, aber trotzdem das Gefühl behalten, dass der Garten schön und bewusst gestaltet ist?
Julia: Ich verstehe, dass Wildnis bei vielen Menschen mit Kontrollverlust gleichgesetzt wird. Es liegt in unserer Natur, dass wir immer gestalten wollen und die Kontrolle behalten möchten. ‚Nichtstun‘ fällt uns schwer. Deshalb ist der #miniwildnis-Ansatz nicht dogmatisch, sondern ein Angebot bestehende Pflegeroutinen und Pflanzkonzepte im Sinne der Biodiversität zu überdenken.
Und es gibt einfache Möglichkeiten eine #miniwildnis so zu gestalten, dass es gewollt aussieht und sich gut in den Garten einfügt. Zwei Beispiele:
1. Statt den ganzen Rasen zu mähen kann man z.B. einen Teil stehen lassen und nur 1-2 mal pro Jahr mähen. Diesen Teil kann man z.B. in Form eines Herzens aussparen, und die Fläche ist dann ein richtiger Hingucker.


2. Oder man steckt einen Teil des Rasens mit einem Staketenzaun ab und überlässt ihn sich selbst und beobachtet, was dort passiert. Durch den Zaun hat man eine optische Begrenzung, die ebenfalls signalisiert: Dies ist absichtlich wild.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Im Gartencenter wird häufig mit „bienenfreundlich“ geworben, oft mit exotischen Pflanzen. Du setzt dagegen ganz klar auf heimische Wildpflanzen. Was macht sie aus Deiner Sicht so wertvoll?
Julia: Unsere Pflanzenvielfalt hat sich über Millionen von Jahren entwickelt und mit ihr unsere Insektenwelt und die darauf aufbauenden Nahrungsnetze. Durch die industrielle Landwirtschaft und unsere Eingriffe in die Natur haben wir bereits dafür gesorgt, dass etwa ein Drittel aller bei uns vorkommenden Wildpflanzen bedroht sind – und damit die Artenvielfalt insgesamt.
Mit dem, was Gartenzeitschriften und Gartencenter uns aktuell an Moden und Pflanzkonzepten vermitteln, befördern wir das Artensterben. Denn erstens ist die Vielfalt an angebotenen Pflanzen ohnehin stark reduziert – es werden v.a. Modepflanzen, Exoten und Generalisten angeboten. Und zweitens führt die Züchtung von Sorten dazu, dass die genetische Vielfalt unserer Pflanzen schwindet und damit die Überlebenschancen unserer Wildpflanzen.
Aber gerade Wildpflanzen sind unheimlich wertvoll, auch für unsere Gärten. Z.B. müssen Wildpflanzen nicht gedüngt oder gegossen werden und brauchen auch keinen Humus, sondern sie freuen sich über nährstoffarmen und vermeintlich „schlechten“ Boden.
Wildpflanzen locken viele Insekten an, sodass man sich als Gartenbesitzer*in über schöne Naturbeobachtungen freuen kann. Und Wildpflanzen sind im Gegensatz zu vielen Pflanzen aus dem Gartencenter langlebig. Sie schonen also auch den Geldbeutel und sparen Arbeit.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Das Konzept von #miniwildnis beinhaltet auch, dass Du einfach mal Nichts tust und abwartest, welche Pflanzen sich ansiedeln. Denn das sind logischerweise immer die Wildpflanzen, die für den jeweiligen Standort perfekt passen.
Klingt gewagt, ist aber aktive Klimaanpassung. Denn unsere Gärten brauchen in Zeiten des Klimawandels v.a. Pflanzen, anpassungsfähig sind. Indem wir der Natur (zumindest in Teilen) ihren Lauf lassen, machen wir unsere Gärten resilienter.
Wenn Du Gartenneulingen drei super-einfache Schritte empfehlen würdest, um sofort mit ihrer eigenen #miniwildnis zu starten: Welche wären das? Und wie können sie ihre Begeisterung weitertragen, damit noch mehr Leute Natur im Garten zulassen?
Julia: Super einfach und in nahezu jedem Garten umsetzbar sind aus meiner Sicht folgende Dinge:
- Nur noch einen Teil des Rasens mähen – nämlich den, den man als Spielfläche oder für Laufwege wirklich benötigt. In kurzer Zeit werden sich auf dem nicht gemähten Teil schöne Blühaspekte entwickeln.
- Laub und Totholz im Garten belassen, statt es im Grünmüll zu entsorgen. Dies sind tolle Winterquartiere und Rückzugsmöglichkeiten für den Igel, Insekten und Amphibien. Und:
- Wasserstellen schaffen, denn Wasser ist Leben. Vielen Vögeln und Insekten, aber natürlich auch Amphibien, mangelt es heutzutage an Wasserstellen. Wasser lockt viele Tiere an und lädt sie ein, im Garten zu bleiben. Das kann eine einfache Schale sein, ein kleines Wasserspiel oder auch ein Teich.
Du arbeitest nicht nur mit Privatgärten, sondern auch mit Unternehmen und Kommunen. Was können Gartenbesitzer*innen aus diesen größeren Projekten lernen – und umgekehrt?
Julia: Tatsächlich finde ich, dass das Mindset auf allen Seiten sehr ähnlich ist. Der Mainstream mag es sauber, einheitlich, aufgeräumt. Das macht auch vor Unternehmens- oder kommunalen Flächen keinen Halt.
Ich würde eher sagen, dass sich Gartenbesitzer*innen einfach von dem leiten lassen sollten, was ihnen wirklich gefällt. Menschen machen Fotos von blühenden Schlehen- oder Weißdornhecken, von Frühblühern, die erste Farbtupfer im Frühling bringen, von blühenden Wiesen, von buntem Laub an einem sonnigen Oktobertag. Vor einer Thujahecke, einer gekärcherten Einfahrt oder einem Schottergarten lichtet sich wahrscheinlich kaum jemand ab.

Bild: © #miniwildnis Vivien Otto
Was ist damit sagen will: Die meisten Menschen fühlen sich intuitiv wohler in natürlichen, wilden und vielfältigen Landschaften, empfinden dies als ästhetisch. Viele trauen sich aber nicht, dies auf ihren Privatgarten zu übertragen, weil sie vielleicht falsche Vorstellungen von Aufwand und Kosten haben, oder auch einfach nicht wissen, wie sie es angehen sollen.
Man sollte sich wieder mehr von dem leiten lassen, was man wirklich schön findet und nicht von Trends oder dem Vorgarten des Nachbarn. Jeder m2 zählt!
Zum Schluss würde mich noch interessieren: Was hat Dich zuletzt richtig überrascht? Gab es einen Tierfund, eine Pflanze oder eine Entwicklung, die Du so nie erwartet hättest?
Julia: Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Natur erholt, wenn man sie nur lässt.
Ich war kürzlich in Bad Saulgau, der vielfach ausgezeichneten Biodiversitätshauptstadt. Dort habe ich renaturierte Flächen gesehen, auf denen sich wieder diverse Singvögel angesiedelt haben.
Und der Biber agiert dort als Ingenieur der Artenvielfalt, indem er neue Biotope anlegt, wo sich Amphibien und der Eisvogel wohlfühlen. Solche Projekte finde ich immer wieder motivierend und machen mich hoffnungsvoll.
Vielen Dank, Julia für dieses Gespräch und Deine vielen, einfach umsetzbaren Ideen.

Über Julia Kurth
Seit 2025 ist Julia Inhaberin der kleinen Biodiversitätsberatung DAS TUN WIR – sinnvoll handeln (www.sinnvoll-handeln.org), zu der auch die Kampagne #miniwildnis gehört. Sie bietet Biodiversitätsberatung für Unternehmen und Kommunen an, hat Produkte, wie die DAS TUN WIR Archen für Wildbienen, im Angebot und führt Workshops durch.
Als studierte Geografin und Nachhaltigkeitsmanagerin liegt ihr unsere Natur schon immer am Herzen. Mit der Naturgarten-Profi Weiterbildung, die Julia gerade absolviert, möchte sie künftig tiefer in die Planung von privaten und gewerblichen Gärten einsteigen.



