Ich gebe es zu: Lange dachte ich, Bienen sind einfach Bienen. Also die, die den Honig machen. Summend, fleißig, irgendwie wichtig – aber im Grunde alle gleich. Von Wildbienen hatte ich damals noch keine Ahnung.
Bis ich in meinem Garten etwas beobachtet habe, das mich nicht mehr losgelassen hat: eine winzige, dunkle Biene, die zielstrebig eine Glockenblume nach der anderen anflog. Was war das? Das war keine Honigbiene, keine Hummel und auch keine Wespe. Die drei konnte ich damals immerhin auseinanderhalten. Aber was war das dann?
Später habe ich erfahren, dass es in Deutschland rund 560-580 Wildbienenarten gibt – und was ich da gesehen hatte, war eine davon: die Glockenblumen-Schmalbiene.
Als sie 2026 zur Wildbiene des Jahres gekürt wurde, fiel mir dieses Erlebnis wieder ein. Das hat mich veranlasst, noch einmal genauer auf dieses kleine Wesen zu schauen. Und ich habe mich gefragt, wie ich sie gezielt in meinem Garten locken kann.
Und womit genau? Wie ihr Name schon verrät: mit vielen verschiedenen Glockenblumen. Denn ohne sie kann diese Wildbiene nicht überleben. Und was mich besonders freut: Mein Garten kann dabei einen Unterschied machen.
In diesem Beitrag zeige ich Dir, was es mit der Biene des Jahres auf sich hat, wer sie kürt und warum. Zudem erfährst Du, was Wildbienen überhaupt sind und was Du, genau wie ich, sofort für sie tun kannst.
Was sind eigentlich Wildbienen?
Als ich anfing zu recherchieren, hat mich eine Zahl wirklich überrascht: In Deutschland gibt es – je nach Quelle – 560-580 Wildbienenarten. So viele? Ich kannte nur die Honigbiene!
Wildbienen unterscheiden sich aber stark von der Honigbiene. Die meisten leben allein, ohne Volk und soziale Organisation. Sie produzieren auch keinen Honig. Jedes Weibchen baut sein eigenes Nest, legt Eier und sammelt Pollen als Nahrungsvorrat für die Larven. „Solitär lebend“ wird das genannt.
Manche nisten im Boden, andere in hohlen Stängeln, in Totholz oder in Lehmwänden. Manche sind winzig klein, kaum größer als eine Mücke. Andere sind beeindruckend groß und laut, wie die blauschwarze Holzbiene.

Was sie alle gemeinsam haben: Sie bestäuben Pflanzen – und das oft erstaunlich effizient. In vielen Studien wurde gezeigt, dass Wildbienen mit der gleichen Zahl von Blütenbesuchen häufig einen höheren Fruchtansatz erzielen als die Honigbiene.
Ein wichtiger Grund liegt im Sammelverhalten: Vor allem solitäre Wildbienen wechseln häufiger zwischen verschiedenen Pflanzenindividuen, während Honigbienen durch ihr Kommunikationsverhalten – den Schwänzeltanz – oft gezielt dieselbe Ressource ansteuern und länger auf ihr bleiben. Das führt bei solitären Wildbienen tendenziell häufiger zu echter Fremdbestäubung.
Das ist mehr als ein Detail: Fremdbestäubung erhöht die genetische Vielfalt innerhalb von Pflanzenpopulationen. Diese Vielfalt verbessert die Chancen von Pflanzen, sich an Umweltveränderungen anzupassen und mit Stressfaktoren wie Krankheiten oder Klimaschwankungen umzugehen.
Und trotzdem wissen viele Menschen kaum, dass es Wildbienen gibt.
Sind Hummeln auch Wildbienen? Ja – Hummeln sind Wildbienen. Sie bilden zwar kleine Völker, gehören aber wie alle anderen Wildbienenarten zu den wild lebenden Bienenarten.

Eine bedrohte Vielfalt – die Lage der Wildbienen in Deutschland
Noch nicht einmal sechshundert Arten – und mehr als die Hälfte davon steht auf der Roten Liste, das heißt: Viele sind gefährdet, einige sogar vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden. Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, musste ich kurz innehalten. Das ist keine abstrakte Naturschutzzahl: Das bedeutet, dass von den Bienen, die still und unbemerkt unsere Wiesen, Gärten und Felder bestäuben, ein Großteil in seinem Bestand gefährdet ist.
Die Ursachen sind keine Naturkatastrophen, sondern unser Alltag: Felder, die von einer einzigen Kulturpflanze dominiert werden; Wegränder, die zur falschen Zeit gemäht werden; Böden, die versiegelt oder so aufgeräumt sind, dass keine Nistmöglichkeit bleibt; Pestizide, die nicht nur Schädlinge treffen.
Viele dieser Arten verschwinden leise, ohne dass irgendjemand es bemerkt.
Wildbienen – was steckt hinter dem Begriff? „Wildbienen“ ist keine wissenschaftliche Kategorie, sondern ein umgangssprachlicher Begriff. Er hilft, die wild lebenden Bienenarten von ihrer in Menschenobhut lebenden Schwester zu unterscheiden.
Der Titel „Biene des Jahres“ – und warum er immer eine Wildbiene trägt
Auf den oben genannten Missstand will auch die Auszeichnung „Wildbiene des Jahres“ aufmerksam machen.
Das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ des Arbeitskreises Wildbienen-Kataster kürt seit 2013 jährlich eine Wildbienenart, um auf die Vielfalt und Bedrohung dieser Insekten aufmerksam zu machen. Die Initiative fördert das Wissen über die Biologie und den Schutz der Arten.
Die Honigbiene braucht diese Bühne nicht – sie hat Imkerverbände, deren Lobbyarbeit und damit einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein. Wildbienen haben das nicht. Viele von ihnen verschwinden still.
Dieser Titel ist kein Preis. Er ist – so erschreckend das klingt – vielmehr ein Hilferuf.
Die Biene des Jahres 2026: Porträt der Glockenblumen-Schmalbiene
Hätte ich damals gewusst, wonach ich schauen soll, hätte ich sie vielleicht sogar erkannt. Die Glockenblumen-Schmalbiene ist 9 bis 10 Millimeter lang, dunkel gefärbt, ohne jeden metallischen Glanz. Unscheinbar, ehrlich gesagt. Was sie verrät, wenn man genau hinschaut, sind die kleinen weißen Flecken an den Seiten des Hinterleibs.
Sie lebt solitär. Das Weibchen gräbt sein Nest selbst in den Boden – am liebsten in Sand oder Lösslehm, an Waldrändern, auf Magerrasen oder Ruderalstellen. Ab April oder Mai fliegt es aus, sammelt Pollen und versorgt die Brut. Die Männchen folgen kurz darauf.
In Deutschland ist sie in vielen Bundesländern nachgewiesen, aber selten geworden. In manchen Bundesländern gibt es nur noch historische Nachweise. Genau das macht den Titel „Biene des Jahres 2026″ für sie so passend.

Oligolektie: Alles auf eine Karte
Der Name sagt es bereits: Die Glockenblumen-Schmalbiene hat sich auf eine einzige Pflanzenfamilie festgelegt. Nur der Pollen der Glockenblumengewächse landet in ihren Nestzellen. Biolog*innen nennen das Oligolektie.
Das klingt riskant. Und das ist es auch. Aber es bedeutet gleichzeitig, dass die Biene ihre Pflanzenfamilie sehr gut kennt und sehr effizient bestäubt.
Innerhalb der Familie gibt es zum Glück mehrere geeignete Arten: Rundblättrige Glockenblume, Knäuel-Glockenblume, Nesselblättrige Glockenblume, Pfirsichblättrige Glockenblume, Rapunzel-Glockenblume, Wiesen-Glockenblume – dazu das Berg-Sandglöckchen und noch einige mehr. Wer mehrere dieser Arten im Garten hat, bietet der Biene über die gesamte Saison hinweg ein verlässliches Angebot.
Dazu braucht sie noch etwas, das in gepflegten Gärten oft fehlt: offene Bodenstellen. Etwa 70 Prozent unserer heimischen Wildbienen nisten im Boden. Die Glockenblumen-Schmalbiene braucht ein festes, einsturzsicheres Substrat, am liebsten Sand oder Lösslehm. Mit dem handelsüblichen Insektenhotel kann sie nichts anfangen.
Glockenblumen für Deinen Garten – sieben Porträts
Mich hat es gepackt: Ich bin jetzt am Glockenblumen pflanzen. Hier findest Du sieben Vertreterinnen, die sich sicher auch in Deinem Garten gut machen werden. Darüber hinaus gibt es auch noch andere heimische Arten, über die sich die kleine Schmalbiene auch freuen würde.

Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) Sehr anspruchslos, wird kaum höher als 30 cm und blüht von Juni bis in den Spätsommer. Ideal für magere, sandige Stellen im Garten – genau dort, wo die Glockenblumen-Schmalbiene auch nistet.

Wiesen-Glockenblume (Campanula patula) Blüht von Mai bis Juli mit locker angeordneten hellblauen Glocken, braucht einen offenen, mageren Standort. Sie war 2025 die Wildbienenpflanze des Jahres – ein Zeichen, wie wichtig und wie bedroht ihr Lebensraum ist.

Rapunzel-Glockenblume (Campanula rapunculus) Schlanke hellviolette Blütenrispen von Juni bis August, bis 90 cm hoch – die fleischige Wurzel war früher tatsächlich ein Gemüse. Einige spezialisierte Wildbienenarten sind auf sie angewiesen, darunter die Glockenblumen-Schmalbiene.

Pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia) Große, weit geöffnete Blüten in hellem Blau, 30 bis 50 cm hoch, sonniger bis halbschattiger Standort. In Deutschland noch ungefährdet und eine der Arten, die viele Wildbienenarten anzieht.

Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata) Dicht gedrängte, tiefviolette Blütenknäuel von Juni bis September, bis 50 cm hoch, auch für Kübel geeignet. Die Pflanze selbst steht in Deutschland auf der Roten Liste.

Borstige Glockenblume (Campanula cervicaria) Eine der seltensten heimischen Glockenblumen – in Deutschland stark gefährdet und kaum noch in der freien Natur zu finden. Im Garten gedeiht sie auf mageren, leicht feuchten Böden in der Sonne und ist damit eine wertvolle Ergänzung, die gleichzeitig zum Erhalt der Art beiträgt.

Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium) Eine der wenigen Glockenblumen-Arten, die auch im Halbschatten gut gedeiht. Blüht von Juli bis August mit blauvioletten Glocken, wird bis zu 80 cm hoch.
Nicht nur Glockenblumen: Auch das Berg-Sandglöckchen (Jasione montana) wird von der Glockenblumen-Schmalbiene besucht. Es ist zwar keine Glockenblume im botanischen Sinne, gehört aber wie die anderen Campanula-Arten zur Familie der Glockenblumengewächse (Campanulaceae).
Für die Glockenblumen-Schmalbiene zählt genau diese Verwandtschaft – sie sammelt Pollen der gesamten Pflanzenfamilie, nicht nur einer einzelnen Gattung.

Fazit: Wenn die Blumen verschwinden
Wenn die Glockenblumen nicht mehr vorhanden sind, dann wird es gefährlich für die Glockenblumen-Schmalbiene, denn sie kann kaum ausweichen. Wer nur eine Pflanzenfamilie kennt, ist auf sie angewiesen und wenn diese aus der Landschaft verschwindet, verschwindet die Biene auch.
Glockenblumen brauchen magere, wenig gedüngte Böden. Genau die werden seit Jahrzehnten seltener: durch intensive Landwirtschaft, Bebauung und Wegränder, die zu früh und zu oft gemäht werden.
Im eigenen Garten können wir diesen Trend umkehren: Wir können dafür sorgen, dass wir hier magere Standorte etablieren (nicht düngen, keinen Mutterboden in den Garten holen), auf denen sich die Glockenblumen wohlfühlen. Damit kannst Du ganz aktiv die Glockenblumen-Schmalbiene in Deinen Garten einladen.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Wildbiene und Honigbiene?
Die Honigbiene wird in Völkern von Menschen gehalten und produziert Honig. Wildbienen leben meist allein, bauen keine Völker und machen keinen Honig. In Deutschland gibt es rund 560-580 Wildbienenarten.
Wer verleiht den Titel „Biene des Jahres“?
Das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ des Arbeitskreises Wildbienen-Kataster kürt seit 2013 jährlich eine Wildbienenart, um auf ihre Gefährdung aufmerksam zu machen.
Wie viele Wildbienenarten gibt es in Deutschland?
Rund 560-580. Viele Arten sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Was bedeutet „oligolektisch“?
Eine Biene, die Pollen nur von einer einzigen Pflanzenfamilie sammelt. Die Glockenblumen-Schmalbiene ist ein Beispiel dafür.
Ist die Glockenblumen-Schmalbiene gefährdet?
Ja. Sie steht in Deutschland auf der Roten Liste. Aus einigen Bundesländern gibt es nur noch historische Nachweise.
Welche Glockenblumen kann ich im Garten pflanzen?
Alle heimischen Wildformen sind geeignet – Rundblättrige, Knäuel-, Nesselblättrige, Pfirsichblättrige, Rapunzel- und Wiesen-Glockenblume. Wichtig: Wildformen kaufen, keine Zuchtsorten.
Du willst mehr aus Deinem Garten rausholen und ihn so gestalten, dass dort nicht nur Glockenblumen, sondern auch andere Pflanzen und Wildbienen einziehen? Dann mache ich gerne mit Dir den Gartencheck: Wie Du 2026 mit mir zusammenarbeiten kannst – Dein Gartencheck in Mittelhessen.
Quellen
https://de.wikipedia.org/wiki/Glockenblumen-Schmalbiene
https://www.wildbienen.info/steckbriefe/lasioglossum_costulatum.php
https://www.wildbienen.de/eb-lcost.htm
https://wildbienen-kataster.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Rundblättrige_Glockenblume
https://de.wikipedia.org/wiki/Knäuel-Glockenblume
https://de.wikipedia.org/wiki/Nesselblättrige_Glockenblume
https://de.wikipedia.org/wiki/Rapunzel-Glockenblume
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/pflanzenportraets/wildpflanzen/07749.html
https://www.naturadb.de/pflanzen/campanula-persicifolia/
https://www.naturadb.de/pflanzen/campanula-rapunculus/
https://www.naturadb.de/pflanzen/campanula-trachelium/
https://www.naturadb.de/pflanzen/campanula-glomerata/
https://www.oekotest.de/freizeit-technik/Die-Glockenblumen-Schmalbiene-ist-Wildbiene-des-Jahres-2026_15968_1.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Glockenblumen



